Annäherung an einen Antihelden

In welchem Umfeld lebte und wirkte Niklaus von Flüe? Unter dem Titel «Bruder Klaus: Zwischen Mystik, Politik und Geld» nahm der Historiker Carl Bosshard das Publikum auf eine Zeitreise ins 15. Jahrhundert mit. Dabei ging es auch um ganz private Fragen.


Vielleicht wäre Niklaus von Flüe, der als Bruder Klaus in die Geschichte einging und heute noch lebendig ist, auch in anderen Zeiten eine Figur gewesen, die Spuren hinterlassen hat. Dass er zum eidgenössischen Friedenshelden wurde, hat mit dem konkreten Hintergrund zu tun, vor dem sich sein Leben abspielte. Das 15. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs. Die Erfindung des Buchdrucks revolutionierte die Verbreitung von Informationen. Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken löste die Suche nach neuen Handelsrouten und damit die Entdeckung unbekannter Erdteile aus. Mit der Renaissance rückte die Antike in den Fokus, und verschiedene reformatorische Anläufe kündigten eine Revolution des Glaubens an.

 

Der Blick zurück in die Welt auf der Schwelle zwischen Spätmittelalter und Neuzeit ist wichtig, um Bruder Klaus zu verstehen oder sich ihm wenigstens anzunähern. «Ich deute Bruder Klaus aus dem Damals. Seine Botschaft braucht Übersetzungsarbeit», sagte der Historiker Carl Bossard in seinem Vortrag, den er im Rahmen einer Veranstaltung des Ökumenischen Forums für Ethik und Gesellschaft im Pfarreiheim Muttenz hielt. Für Bossard ist Bruder Klaus zentral für das Verständnis der damaligen Eidgenossenschaft. Das aus einem Bündnis dreier Talschaften hervorgegangene Gebilde hatte sich zu einem Machtfaktor auf der europäischen Bühne entwickelt. Bossard illustrierte das Pendeln zwischen Gott sowie Geld und Gier mit zwei Bildern aus dem Burgunderkrieg: vor der Schlacht beten die Krieger, nach der Schlacht plündern sie. Den militärischen Erfolgen gegen externe Gegner standen interne Zwistigkeiten gegenüber. Ob ein Bürgerkrieg drohte, ist umstritten, doch die Bildung von Sonderbündnissen innerhalb der Eidgenossenschaft zeigt, wie zerstritten die Orte waren. Vermittleraktivitäten waren also gefragt.

 

Bruder Klaus hatte sich aus der Welt zurückgezogen, doch er kannte sie und sie blieb ihm auf den Fersen. Viele Menschen suchten ihn auf und baten um Rat, nicht nur die um Einigung ringenden Eidgenossen. Das Publikum in Muttenz zeigte sich weniger am historischen Hintergrund interessiert als an der privaten Front. War Ehefrau Dorothea Wyss wirklich einverstanden mit dem Entscheid ihres Gatten, Hof und Familie zu verlassen, und wie war das für sie? Er sei davon überzeugt, ohne aus eigenen Erfahrungen schöpfen zu können, dass dem Entscheid viele «Nachtgespräche» zwischen den Eheleuten vorausgegangen seien, meinte der Muttenzer Pfarrer René Hügin. Nach allem was man wisse, habe es ein Ringen gegeben, doch sei die Trennung dann in Minne erfolgt, sagte Bossard.

 

Regula Vogt-Kohler

Foto: Wikimedia/Pakeha